CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Die Geschichte von dem heiligen Tugen

Heilige Quelle

In Irland da lebte einmal ein Mädchen – sie hieß Brigit. Später… später wurde sie sehr bekannt. Noch heute wird ihrer gedacht: sie ist die heilige Brigit von Kildare. Na ja, zu jener Zeit, von der ich erzähle, war sie aber noch ein junges Mädchen. Ihre Eltern starben und sie wurde von ihrem älteren Bruder zu sich geholt. Der lebte in einem Kloster nahe Kildare. Sein Name war Tugen.

Nun ja, wie dem auch sei… auch Heilige sind einmal jung gewesen – zu jener Zeit jedenfalls – und auch Brigit war damals sehr jung. Sie war ein ungemein hübsches, lebhaftes Mädchen und Tugen sorgte sich sehr um seine Schwester – und um ihre Unschuld. So ließ er sie kaum aus den Augen. Nachmittags, wenn die beiden ein wenig freie Zeit hatten, da gingen sie in den nahen Wald spazieren. Aber Tugen achtete sehr genau darauf, dass kein Mann seiner Schwester zu nahe kam.

Da geschah es, dass ein junger Bursche aus dem Dorf Brigit zu Gesicht bekam und sich sogleich in sie verliebte. Aber Tugen sorgte dafür, dass die beiden nicht zusammen kommen konnten. Der Bursche war krank vor Liebeskummer und beobachtete ganz genau, wie die beiden jeden Nachmittag ihren Spaziergang durch den Wald machten. Tief im Wald, bei einer Quelle, da war ein kleiner Heiligenschrein. Dort nahm Tugen immer einen Stein auf, warf ihn ins Gestrüpp und sogleich flogen die Vögel auf. Da sagte er zu seiner Schwester, dass er hier einen Moment beten wolle, und sie spazierte derweil alleine in der Umgebung herum… Das ist es, sagte sich der junge Bursche und versteckte sich am folgenden Tag nahe dem Schrein in einem Gebüsch. Dort wartete er, bis Tugen und Brigit des Weges kamen. Tugen nahm wieder einen Stein auf und warf ihn ins Geäst der Bäume. Aber dann schaute er sich um und sagte zu seiner Schwester: »Es ist jemand in der Nähe! Du kannst jetzt nicht alleine spazieren!« Sie entgegnete: »Woher weißt du das?« Tugen lächelte und flüsterte: »Sieh! Jeden Tag werfe ich ein Stein ins Geäst. Jeden Tag fliegen die Vögel auf, weil es sie stört. Heute aber sind keine Vögel da. Das kann nur heißen, dass jemand in der Nähe ist und die Vögel vertrieben hat.« Tugen war sehr zufrieden mit sich.

Der Bursche aber hatte alles gehört. Das kann man ändern, sagte er sich. Und er machte sich daran und fing einige Drosseln. Diese steckte er in einen Korb und mit dem Korb versteckte er sich wieder in dem Gebüsch. Als Tugen und Brigit am anderen Tag bei der Quelle anlangten, da nahm Tugen wieder einen Stein auf und warf ihn. Der Bursch aber öffnete den Korb und die Drosseln flatterten sogleich auf und flogen davon. Da glaubte Tugen, dass sie alleine wären und empfahl sich für ein Gebet. Und während er betete an dem kleinen Heiligenschrein bei der Quelle, schlenderte Brigit umher und pflückte ein paar Blumen. Da kam der Bursche aus seinem Gebüsch hervor und sprach Brigit freundlich an und die beiden begannen zu plaudern.

Als Tugen aus seiner Versenkung auftauchte und seine Schwester suchte, fand er sie unter einem großen Baum sitzend mit dem fremden Burschen redend. Tugen hob verzweifelnd seine Arme gen Himmel und rief: »Wahrlich mein Herr, es ist leichter die Menschen vor dem Biss der Hunde und vor der Tollwut zu schützen, als die eigene Schwester vor den Irrwegen der Liebe.« Da lächelte der Herr ihn an und sprach: »So meinst du das? Dann fahre nach Aremorica und schütze dort die Menschen vor den Bissen der Hunde und vor der Tollwut.« Tugen bekreuzigte sich und senkte beschämt sein Haupt. Und noch zur gleichen Stunde brach er nach Aremorica auf, dem Land am Meer, welches wir heute die Bretagne nennen. Dort landete er auf einen kleinen Halbinsel in Finistère, das bedeutet am Ende der Welt. An jenem Ort hatte bereits ein anderer irischer Heiliger eine kleine Einsiedelei gegründet: Der heilige Primel hatte sich dort niedergelassen und die Menschen zum Christentum bekehrt. Heute nennt sich das Dorf noch immer in Gedenken an ihn: Primelin. Ganz in der Nähe entdeckte Tugen eine kleine Quelle. An dieser ließ er sich nieder. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst. Die Menschen kamen zu ihm mit Hundebissen und Tollwut und er heilte viele von ihnen. An der Stelle seiner Einsiedelei errichtete man später eine Kapelle. Und um die Kapelle siedelten sich Menschen an und sie bauten anstelle der Kapelle eine Kirche. Kirche und Ort nannten sich nach ihrem Heiligen: Saint Tugen.

Nun: heute ist der Ort nicht besonders groß. Verschlafen liegt er in der Gemeinde Primelin auf der Halbinsel Cap Sizun. Unterhalb der Kirche – die sehr groß ist, für einen so kleinen Ort – da ist die Quelle des Saint Tugen in Stein eingefasst. Und wenn man dort eine Weile verharrt, hört man ganz bestimmt, auf einem der umliegenden Höfe einen Hund bellen.

Eine der vielen Heiligengeschichten aus der Bretagne
Aus dem Führer der Kirche St. Tugen – frei aus der Erinnerung erzählt

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